William Wallace – Was Braveheart verschweigt
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William Wallace war kein Filmheld. Er war ein schottischer Ritter aus dem niederen Adel, der um 1270 geboren wurde – in einer Zeit, in der sein Land gerade dabei war, unter englischer Herrschaft zu zerbrechen. Er kämpfte nicht für Ruhm oder eine Krone, sondern für ein einziges Ziel: die Freiheit Schottlands. Sein Leben endete am 23. August 1305 mit einer der brutalsten Hinrichtungen des Mittelalters – und wurde damit zum Anfang seiner Legende.
Was die meisten über ihn wissen, stammt aus Mel Gibsons „Braveheart“ von 1995. Doch der echte Guardian of Scotland war komplexer, rauer und faszinierender als jede Filmfigur. Dieser Artikel folgt den tatsächlichen historischen Spuren – und beleuchtet, was hinter dem Mythos steckt.
Woher kam William Wallace wirklich?
Über die Herkunft des schottischen Freiheitskämpfers herrscht bis heute Unklarheit – und das ist historisch betrachtet selbst Teil seiner Geschichte. Er entstammte dem niederen schottischen Adel, doch seine genaue Abstammung lässt sich nicht eindeutig belegen. Drei Theorien konkurrieren in der Geschichtswissenschaft miteinander.
Die erste stützt sich auf sein eigenes Siegel: Ein Brief, den Wallace 1297 an die Hansestadt Lübeck schickte, trägt dieses Siegel und nennt seinen Vater Alan Wallace. Dieser Name taucht auch in den sogenannten Ragman Rolls von 1296 auf – einem Verzeichnis schottischer Adliger, die England huldigten. Ob es sich um dieselbe Person handelt, ist jedoch nicht beweisbar.
Die zweite Theorie geht auf das Heldengedicht „The Wallace“ zurück, das der schottische Barde Blind Harry im 15. Jahrhundert verfasste. Dort wird als Vater ein Sir Malcolm von Elderslie aus Renfrewshire genannt – weshalb Elderslie, heute ein Vorort von Glasgow, häufig als Geburtsort angegeben wird. Auch hier fehlt ein zeitgenössischer Beweis.
Die dritte Theorie betrifft den Familiennamen selbst: „Wallace“ leitet sich aus dem Altenglischen „wǣlisċ“ ab, was so viel wie „Fremder“ oder „Waliser“ bedeutet – ein Hinweis, dass der Clan möglicherweise walisischer Herkunft war oder aus dem keltisch-britischen Strathclyde-Königreich stammte.
Gesichert ist, dass der Heranwachsende eine solide Bildung erhielt. Überlieferungen zufolge wurde er zunächst in einem Kloster bei Paisley unterrichtet, wo er Lesen, Schreiben und Theologie lernte. Dort soll er auch Kontakt zu einem Bischof von Glasgow bekommen haben, der zu seinem Mentor wurde und ihm früh Einblick in die politisch precäre Lage Schottlands gab. Dieser Bischof sollte später auch die finanzielle Unterstützung für Wallaces Rebellion leisten.
Zeitgenössische Chronisten beschreiben ihn als außergewöhnlich groß und kraftvoll. Der Mönch Walter Bower hält fest: ein Mann mit dem Körper eines Riesen, breiten Hüften, starken Armen und Beinen. Blind Harry gibt sogar sieben Fuß – also über zwei Meter – an. Einige Quellen sprechen von knapp 1,96 Metern, was ihn zur damaligen Zeit fast vierzig Zentimeter über den männlichen Durchschnitt gestellt hätte.
Warum wurde William Wallace zum Anführer des Aufstands?
Als Wallace jung war, herrschte in Schottland noch König Alexander III. – eine Zeit relativen Friedens. Doch 1286 starb der König bei einem nächtlichen Reitunfall, ohne direkte Nachkommen zu hinterlassen. Was folgte, war politisches Chaos: Ein jahrelanger Streit um die Thronfolge öffnete König Edward I. von England die Tür. Er nutzte die Gunst der Stunde, ließ 1296 mit einem Heer von über 30.000 Mann in Schottland einmarschieren und zwang den schottischen König John Balliol zur Abdankung. Die englischen Truppen zogen brandschatzend und plündernd durch das Land.
Die erste nachweisliche Tat des späteren Freiheitskämpfers war die Tötung von William de Heselrig, dem englischen Hochsheriff von Lanark, im Mai 1297. Ob – wie Blind Harry erzählt – die Ermordung seiner Frau Marion Braidfute durch englische Soldaten der eigentliche Auslöser war, ist historisch nicht belegt. Was danach aber zweifellos geschah: Der Funke entzündete sich. Wallace schloss sich mit William dem Kühnen, Lord of Douglas, zusammen und überfiel schottische Ortschaften, die unter englischer Kontrolle standen.
Zeitgleich führte Andrew Moray im Norden Schottlands eine parallele Rebellion an. Die beiden Männer vereinten ihre Kräfte – möglicherweise bei der Belagerung von Dundee – und trafen am 11. September 1297 auf das englische Heer an der Stirling Bridge. Was dort geschah, wurde zum Wendepunkt.
Die Schotten nutzten die schmale Brücke über den Fluss Forth als taktischen Vorteil. Sie warteten ab, bis die Hälfte der englischen Truppen die andere Seite erreicht hatte – dann griffen sie an. Die Engländer, auf der Brücke eingequetscht und ohne Möglichkeit zur Formation, gerieten in Panik. Viele ertranken im Fluss. Trotz vierfacher zahlenmäßiger Überlegenheit wurde das englische Heer vernichtend geschlagen. Der Sieg war sensationell. Mit rund 2.300 Schotten gegen ein etwa 12.000 Mann starkes englisches Heer hatte Wallace das Unmögliche geschafft.
Nach diesem Triumph ernannte der schottische Adel – wenn auch zögerlich, weil er keiner der Ihren war – den Mann aus dem niederen Adel zum Ritter und zum „Guardian of Scotland“. Wallace war nun de facto Regent eines Landes ohne König. Er schrieb sogar im Namen Schottlands an die Hansestädte Hamburg und Lübeck, um Handelsbeziehungen zu erneuern. Es war ein bemerkenswerter Akt staatsmännischen Handelns.
Doch der Ruhm währte nicht lange. Edward I. rüstete erneut. Im Juli 1298 standen sich beide Seiten bei Falkirk gegenüber. Diesmal brachte der englische König massenhaft walisische Langbogenschützen mit. Wallaces Schiltron-Formationen – dichte Kreise von Speerträgern – hielten zunächst stand, wurden aber von einem Pfeilhagel zerrissen. Die schottische Kavallerie floh fast sofort. Die Infanterie brach unter den nachfolgenden Reiterangriffen zusammen. Der Freiheitskämpfer entkam knapp, legte danach aber das Amt des Hüters nieder.
Er reiste nach Frankreich, um am Hof Philipps IV. Unterstützung für Schottland zu gewinnen. Ein erhaltener Brief des französischen Königs vom November 1300 belegt, dass er seinen Gesandten befahl, dem schottischen Ritter zu helfen. Doch militärische Unterstützung blieb aus. Wallace kehrte heim und setzte seinen Kampf im Kleinen fort – Guerillataktiken, Überfälle, Schattenoperationen. Ein großes Heer führte er nie wieder an.
Was bedeutet William Wallace als Symbol bis heute?
Der Mann aus dem niederen Adel hätte nach dem englischen Muster ein Verräter sein sollen – ein Aufwiegler, der bestraft und vergessen wird. Das Gegenteil trat ein. Bereits kurz nach seinem Tod begannen Geschichten und Legenden über seine Heldentaten zu kursieren. In Tavernen und auf Marktplätzen wurden Lieder über ihn gesungen. Seine Figur wuchs schnell über den Krieg hinaus.
Blind Harry schuf im 15. Jahrhundert mit „The Wallace“ das erste große Heldenepos über ihn – ein Gedicht, das mündliche Überlieferungen bündelte und zur Grundlage aller späteren Darstellungen wurde. Im 19. Jahrhundert erreichte die Verehrung des Nationalhelden ihren ersten Höhepunkt: In der schottischen Romantik wurden Denkmäler errichtet, darunter das imposante Wallace Monument auf dem Hügel Abbey Craig bei Stirling. Schriftsteller wie Jane Porter und Sir Walter Scott verewigten ihn literarisch.
Das Symbol Wallace trägt eine doppelte Bedeutung. Für schottische Nationalisten ist er der erste und wichtigste Nationalheld – der einfache Mann, der sich dem Imperium entgegenstellt und stirbt, ohne zu knieen. Für Historiker ist er eine weitaus ambivalentere Figur: grausam im Krieg, widersprüchlich in der Politik, kaum greifbar in den Quellen.
Sein Beiname „Braveheart“ – tapferes Herz – wurde zu seinen Lebzeiten übrigens gar nicht verwendet. Erst Blind Harry schuf die poetische Assoziation; Hollywood machte daraus einen Weltmythos. Ironisch dazu: Selbst sein Familienname Wallace bedeutet nichts anderes als „Waliser“ oder „Fremder“ – der schottischste aller Nationalhelden trug also möglicherweise einen Namen, der auf keltisch-britische oder walisische Wurzeln verweist.
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Was erzählt das Weltenklang-Wissenslied über ihn?
Das Weltenklang-Wissenslied über William Wallace folgt dem historischen Bogen seines Lebens: von der Besetzung Schottlands durch Edward I. über den legendären Sieg bei der Stirling Bridge bis hin zur Niederlage bei Falkirk, der verzweifelten Reise nach Frankreich und dem Verrat durch Sir John de Menteith im Jahr 1305. Es ist ein Lied über Willen – nicht über Sieg.
Was das Stück von vielen historischen Liedern unterscheidet, ist sein Refrain: „Steh auf! Wenn die Welt dich zwingt zu knien!“ Das ist keine romantische Glorifizierung. Es ist eine Frage, die das Lied direkt an die Hörenden stellt – Was ist dein Preis? Was gibst du für Freiheit auf? Was behältst du, wenn alles andere verloren ist?
Der Freiheitskämpfer aus Schottland wird dabei nicht zum makellosen Helden verklärt. Das Lied zeigt auch den Abstieg: Falkirk, den Verlust des Heeres, das Agieren im Schatten. Und es zeigt das Ende – nicht als Niederlage, sondern als Haltung. „Sie brechen den Körper… doch nicht, was er war.“ Edward I. wollte durch eine demonstrative Grausamkeit der Hinrichtung andere Rebellen abschrecken. Stattdessen schuf er einen Märtyrer.
Das Wissenslied von Weltenklang zu William Wallace ist auf YouTube, Spotify und Apple Music verfügbar. Wer mehr solche Lieder über Geschichte, Mythologie und die Menschen, die Epochen prägten, erleben möchte, findet sie auf dem Kanal – und kann ihn kostenlos abonnieren.
Ist Braveheart historisch korrekt?
Die kurze Antwort: Nein – aber das ist nicht alles, was dazu zu sagen ist. „Braveheart“ (1995) von Mel Gibson gewann fünf Oscars, darunter Bester Film und Beste Regie. Er machte Wallace weltweit bekannt und entfachte in Schottland eine Welle des Nationalstolzes. Die Scottish National Party verzeichnete nach seiner Veröffentlichung fast doppelt so viele Stimmen bei der darauffolgenden Wahl.
Und doch: Der Film ist in zentralen Punkten erfunden oder verdreht. Die blau-weiße Gesichtsbemalung stammt von einem Piktenstamm, der über tausend Jahre früher lebte. Den Kilt gab es im 13. Jahrhundert noch nicht – er wurde erst im 18. Jahrhundert entwickelt. Die romantische Affäre mit Prinzessin Isabelle von Frankreich ist eine Fiktion; Isabelle war damals noch ein Kleinkind. Und der Film macht Robert the Bruce zum Verräter von Falkirk – dafür gibt es keinen historischen Beleg. In Wahrheit war es Sir John de Menteith, ein schottischer Ritter, der auf der Seite Edwards stand, der Wallace 1305 in der Nähe von Glasgow auslieferte.
Was den Film dennoch wertvoll macht, ist nicht seine historische Genauigkeit, sondern seine emotionale Wucht. Er hat Millionen Menschen dazu gebracht, sich mit einem Kapitel europäischer Geschichte zu beschäftigen, das ansonsten kaum Beachtung gefunden hätte. Die Rahmenfakten – Besetzung, Widerstand, Stirling Bridge, Falkirk, Hinrichtung – stimmen im Kern. Was Hollywood daraus formte, folgt der amerikanischen Heldenerzählung: Ein Mann gegen das System. Ein Herz gegen eine Krone. Kein Kniefall bis zum letzten Atemzug.
Genau diese Erzählung hat auch Ragnar Lodbrok und Achilles unsterblich gemacht: Krieger, die nicht wegen ihrer Siege, sondern wegen ihrer Unnachgiebigkeit im Gedächtnis bleiben.
Fazit – Warum William Wallace bis heute fasziniert
Ein Mann ohne Thron, ohne Krone, ohne göttlichen Auftrag – und trotzdem einer der bekanntesten Freiheitskämpfer der Geschichte. William Wallace fasziniert, weil seine Geschichte keine Erfolgsgeschichte ist. Er hat den Ersten Schottischen Unabhängigkeitskrieg nicht gewonnen. Er wurde verraten, gefoltert und hingerichtet. Und doch gilt er bis heute als Verkörperung schottischen Widerstands.
Was bleibt, ist ein Name, der seit über 700 Jahren nicht verstummt. Nicht weil er gesiegt hat, sondern weil er sich nicht gebeugt hat. Sein Tod, so grausam er war, gab dem Widerstand neue Kraft. Robert the Bruce, der nach ihm den Kampf aufnahm und schließlich 1314 bei Bannockburn den endgültigen Sieg errang, stand auf dem Fundament, das der Guardian of Scotland gelegt hatte. Geschichte braucht manchmal einen, der fällt – damit die anderen aufstehen können.
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Quellen & weiterführende Links
- Wikipedia EN – William Wallace: https://en.wikipedia.org/wiki/William_Wallace
- Wikipedia EN – Battle of Falkirk: https://en.wikipedia.org/wiki/Battle_of_Falkirk
- Britannica – Battle of Falkirk: https://www.britannica.com/topic/battle-of-Falkirk
- Frag Machiavelli – Sir William Wallace (1270–1305): https://www.frag-machiavelli.de/william-wallace/
- Planet Wissen – William Wallace und Robert the Bruce: https://www.planet-wissen.de/kultur/westeuropa/schottische_geschichte/pwienationalhelden100.html
- Abenteuer Schottland – William Wallace: https://abenteuer-schottland.com/william-wallace-schottlands-unbeugsamer-freiheitskaempfer/
- england.de – William Wallace, die wahre Geschichte hinter Braveheart: https://www.england.de/schottland/william-wallace
- schottlandinfos.de – William Wallace: https://schottlandinfos.de/personen/william-wallace
- VisitScotland.Travel – The Battle of Falkirk, 22 July 1298: https://visitscotland.travel/wallace-battle-falkirk-1298/
- Clan Wallace Society – Battle of Falkirk: https://clanwallace.org/cw/about-william-wallace/battle-of-falkirk/
