Ymir – Der Urriese aus dessen Körper die Welt entstand
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Noch bevor es Götter, Menschen oder auch nur einen einzigen Stein gab, existierte er: Ymir, der erste und größte aller Riesen. Aus dem Aufeinanderprallen von Eis und Feuer in der Urleere Ginnungagap entstand dieses gewaltige Wesen – und sein Tod wurde zur Geburt der Welt. Fleisch, Blut, Knochen, Schädel und Haar des Urriesens formten alles, was wir kennen: Erde, Meere, Berge, Himmel und Wolken. Ymir ist damit nicht nur eine mythologische Figur, sondern das wörtliche Fundament der gesamten nordischen Schöpfung.
Das Weltenklang-Wissenslied über Ymir erzählt diese Geschichte als epischen Song – von der Stille des Nichts bis zur Erschaffung des ersten Menschenpaares Ask und Embla. Hier erfährst du alles, was die Edda über den Urriesen überliefert.
Wie entstand Ymir aus Feuer und Eis?
Vor aller Zeit gab es nur eine einzige Sache: das Ginnungagap – ein gähnender, bodenloser Abgrund der Stille und Leere. Kein Sand, kein Meer, kein Grashalm, kein Lebewesen. Im Norden dieses Nichts lag Niflheim, eine Welt aus klirrenden Frösten und eisigen Strömen. Im Süden brannte Muspelheim, ein Reich aus lodernden Flammen, beherrscht von Surtr, dem Feuerriesen. Aus dem Quell Hvergelmir in Niflheim strömten elf Eisflüsse, die sogenannten Élivágar, in die Leere.
Als die eisferne Glut Muspelheims auf die gefrorenen Dunste Niflheims traf, begann das Eis zu schmelzen. Aus diesem Schmelzwasser – genauer gesagt aus giftigen, gärenden Tropfen – entstand das erste Lebewesen überhaupt: der Urriese. Sein Name bedeutet im Altnordischen so viel wie „Lärmer“ oder „Rauscher“, geht aber etymologisch auf eine noch ältere Wurzel zurück, die „Zwilling“ oder „Zwitter“ bedeutet – ein Hinweis darauf, dass der Urriese von Anfang an eine doppelte Natur besaß.
Das Ginnungagap war also kein leeres Nichts im philosophischen Sinne, sondern ein Raum der Spannung: ein Ort, an dem zwei absolute Gegensätze – brennende Hitze und vernichtende Kälte – aufeinanderstießen und dabei Leben erzeugten. Dieser Gedanke ist typisch für das nordische Weltbild: Schöpfung entsteht nicht aus einem Willen oder einem Befehl, sondern aus dem Zusammenprall von Urkräften.
Gleichzeitig mit dem Urriesen entstand aus demselben Schmelzwasser die Urkuh Auðhumbla – ein schneeweiß gedachtes Tier, aus dessen Euter vier Milchströme flossen. Von dieser Milch nährte sich der Urriese. Die Kuh selbst ernährte sich, indem sie an den salzigen Eisblöcken des Ginnungagap leckte. Nach drei Tagen dieses Leckens erschien aus dem Eis eine neue Gestalt: Búri, der erste der Götter. Aus Búri wurde Borr geboren, der wiederum die Riesin Bestla heiratete. Aus dieser Verbindung zwischen göttlicher und riesischer Linie gingen drei Söhne hervor: Odin, Vili und Vé – die ersten Asen.
Was wurde aus Ymirs Körper gemacht?
Die wachsende Macht des Urriesens und die immer größer werdende Schar seiner Nachkommen machten ihn gefährlich. Aus seinem Schlaf entstanden durch Schweiß der Achselhöhlen ein Mann und eine Frau – seine Beine paarten sich miteinander und zeugten einen sechsköpfigen Sohn namens Þrúðgelmir. Dessen Sohn wiederum war Bergelmir, der als Ahnherr aller späteren Reifriesen gilt. Die Riesenlinie wuchs und wuchs, und Odin sowie seine Brüder erkannten, dass dieser Zustand die Welt bedrohen würde.
Sie erschlugen den Urriesen. Sein Tod löste eine gewaltige Flutkatastrophe aus: So viel Blut strömte aus seinen Wunden, dass fast alle Riesen darin ertranken. Nur Bergelmir und seine Frau überlebten, indem sie sich in ein Boot retteten – eine Parallele, die Forscher gerne mit der biblischen Noah-Geschichte vergleichen. Bergelmir wurde so zum Stammvater der zweiten Riesengeneration.
Den Leichnam des erschlagenen Urwesens warfen die drei Götter in die Mitte des Ginnungagap und begannen, aus ihm die Welt zu formen. Was folgt, ist eines der vollständigsten Schöpfungsbilder, das die Mythologie kennt:
Sein Fleisch wurde zur Erde. Sein Blut füllte die Ozeane und Flüsse. Die Knochen wurden zu Bergen, Zähne und Knochensplitter zu Steinen und Felsen. Die Haut und sein Haar verwandelten sich in Wälder und Pflanzen. Den Schädel hoben die Götter hoch und machten ihn zum Himmelsgewölbe – an seine vier Ecken setzten sie vier Zwerge, die das Dach der Welt bis in alle Ewigkeit tragen: Austri, Vestri, Norðri und Suðri, benannt nach den vier Himmelsrichtungen. Das Gehirn des Urriesens wurde in den Himmel geschleudert und blieb dort als Wolken hängen. Aus den Funken Muspelheims, die die Götter in feste Bahnen lenkten, entstanden Sonne, Mond und Sterne. Und aus seinen Augenbrauen formten die Götter den Wall, der Midgard – die Welt der Menschen – schützt.
Die Prosa-Edda Snorri Sturlusons und die Lieder-Edda überliefern diesen Mythos in leicht unterschiedlichen Versionen. In der Lieder-Edda, im Vafþrúðnismál, heißt es: „Aus Ymirs Fleisch ward die Erde geschaffen, aus dem Gebein die Berge, der Himmel aus der Hirnschale des eiskalten Hünen, aus seinem Schweiße die See.“ Snorri ergänzt diese Knochen-für-Knochen-Kosmogonie in seiner Prosa-Edda um Details wie die Urkuh Auðhumbla und die Erschaffung der ersten Menschen – Fakten, über die Forscher bis heute diskutieren, da nicht klar ist, welche davon aus älteren Quellen stammen und welche Snorri selbst hinzufügte.
Abschließend erschufen die Götter die ersten beiden Menschen: Sie fanden zwei Baumstämme am Strand – eine Esche und eine Ulme. Aus ihnen formten sie Ask und Embla, das erste Menschenpaar. Odin hauchte ihnen den Lebensatem ein (Öðr), Vili gab ihnen Geist und Verstand, Vé schenkte ihnen Blut, Wärme und Gestalt. Midgard war fertig.
Was bedeutet Ymir symbolisch in der nordischen Mythologie?
Der Mythos vom Urriesen ist weit mehr als eine fantasievolle Erklärung, wo Berge und Meere herkommen. Er ist ein kosmologisches Denkmodell, das die alte nordische Weltanschauung auf den Punkt bringt: Ordnung entsteht aus Chaos. Schöpfung erfordert Opfer. Und alles Leben ist aus demselben Ursprung.
Der Urriese verkörpert die rohe, ungeordnete Naturkraft – das Chaos vor der Ordnung, die Gewalt vor dem Gesetz, die Natur vor der Zivilisation. Sein Tod ist kein Unfall und keine Strafe, sondern eine kosmologische Notwendigkeit: Damit die Welt entstehen kann, muss das Urchaos überwunden werden. Vergeistigte, geordnete Götter können die reine Naturgewalt nicht einfach neben sich bestehen lassen.
Besonders auffällig ist die Körper-Welt-Analogie: Jeder Teil des Urriesens entspricht einem Teil der sichtbaren Welt. Das bedeutet: Die Nordmänner sahen in ihrer Umgebung buchstäblich den Leib eines Wesens. Ein Berg war kein Stein – er war ein Knochen. Ein Sturm war kein Wetter – er war ein Atemzug aus dem Fleisch der Vorzeit. Diese Sichtweise schuf eine tiefe Verbindung zwischen Mensch und Natur, die im Alltag spürbar war.
Hinzu kommt eine sprachliche und kulturgeschichtliche Tiefendimension: Der Name des Urriesens geht auf ein uraltes indogermanisches Wort zurück, das „Zwilling“ oder „Zwitter“ bedeutet. Sprachwissenschaftler haben ihn mit dem vedischen Todesgott Yama, dem avestischen Yima und sogar mit Remus – dem Zwillingsbruder des Romulus – in Verbindung gebracht. Das Motiv des geopferten Urwesens, aus dessen Körper die Welt entsteht, ist eines der ältesten Erzählmuster der Menschheit und taucht von Indien bis Skandinavien auf.
Ein weiterer symbolischer Schlüssel ist die Flut nach dem Tod des Urriesens: Das Blut, das alle anderen Riesen tötet – bis auf Bergelmir –, erinnert strukturell an Sintflutmythen anderer Kulturen. Der Überlebende wird zum Neubeginn, zum Bindeglied zwischen Urzeit und Gegenwart. Bergelmir ist das nordische Pendant zu Noah oder Utnapishtim.
Wie setzt das Weltenklang-Wissenslied den Ymir-Mythos um?
Das Weltenklang-Wissenslied über den Urriesen beginnt dort, wo alles beginnt: in der absoluten Stille des Ginnungagap. „Schwarz ist es hier, kein oben, kein unten“ – diese Zeilen setzen die Leere bildstark in Szene, bevor Niflheim und Muspelheim aufeinandertreffen und das erste Leben entzünden. Das Lied folgt dem eddatreuen Ablauf des Mythos: von der Entstehung des Urriesen über die Urkuh Auðhumbla, die Leckt Búri frei, bis zum Tod des Urwesens und der Erschaffung der Welt Stück für Stück aus seinem Körper.
Besonders stark ist die Passage, in der die einzelnen Körperteile ihren kosmischen Gegenstücken zugeordnet werden – Fleisch zur Erde, Blut zum Meer, Knochen zu Bergen, Schädel zum Himmelsgewölbe. Das Lied schließt mit der Erschaffung von Ask und Embla, dem ersten Menschenpaar, und erinnert daran: Es gab nur einen Ymir. Die gesamte Welt, in der wir leben, trägt seinen Körper in sich.
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Wo taucht Ymir heute noch auf?
Obwohl der Urriese in der modernen Popkultur weniger präsent ist als Thor oder Loki, hinterließ er in mehreren Bereichen deutliche Spuren. In der Videospielwelt taucht er im MOBA-Spiel Smite als spielbarer Charakter auf – einer der wenigen Fälle, in dem das Urwesen selbst in Erscheinung tritt und nicht nur als Hintergrundmythos dient. Im Strategiespiel Tales of Symphonia ist Ymir sogar der Name eines ganzen Waldes. In den Marvel-Comics ist ein Frostgigant namens Ymir ein wiederkehrender Feind, der die visuelle Vorstellung eines riesenhaften, eisigen Wesens aufgreift.
Besonders bekannt wurde der Name durch den Manga und Anime Attack on Titan: Die Figur „Ymir Fritz“ ist die Stammutter aller Titanenwandler – eine klare Anlehnung an die Rolle des mythologischen Urwesens als Ursprung aller Riesen. Der Name ist kein Zufall, sondern eine bewusste Referenz an die nordische Schöpfungssage.
Auch in der Astronomie lebt das Urwesen fort: Ein Mond des Saturn trägt seinen Namen. Der Saturnsatellit Ymir – offiziell Saturn XIX – wurde im Jahr 2000 entdeckt und 2003 nach dem Urriesen der nordischen Mythologie benannt. Mit einer Umlaufzeit von etwa 3,6 Jahren gehört er zu den am weitesten von Saturn entfernten bekannten Monden.
In der Literatur inspirierten die Schöpfungsmythen rund um das Urwesen Generationen von Autoren. J.R.R. Tolkien, der tief in der nordischen Überlieferung verwurzelt war, baute ähnliche kosmogonische Strukturen in sein Werk ein. Das Motiv des geopferten Urwesens als Baustein der Welt gehört zu den archetypischen Erzählmustern, die von der indischen Vedendichtung bis zur modernen Fantasy-Literatur lebendig blieben.
Fazit – Warum Ymir bis heute fasziniert
Der Urriese ist die stille Grundlage des gesamten nordischen Kosmos. Er spricht nicht, er handelt nicht strategisch – er existiert, und sein Sterben erschafft alles. Kein anderes Wesen der nordischen Mythologie ist so fundamental: Ohne ihn gäbe es keine Erde, kein Meer, keinen Himmel, keine Götter und keine Menschen. Er ist das Material, aus dem die Welt gemacht ist – buchstäblich.
Was den Mythos so zeitlos macht, ist sein philosophischer Kern: Aus Chaos wird Ordnung, aus Tod wird Leben, aus Gewalt wird Schönheit. Das ist keine leichte, tröstliche Geschichte – aber eine ehrliche. Die alten Nordmänner erklärten damit nicht nur, woher die Berge kommen. Sie sagten damit: Alles, was ist, hat seinen Preis. Die Welt, in der wir leben, wurde erkauft.
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Quellen & weiterführende Links
- Wikipedia EN – Ymir: en.wikipedia.org/wiki/Ymir
- Wikipedia DE – Germanische Schöpfungsgeschichte: de.wikipedia.org/wiki/Germanische_Schöpfungsgeschichte
- Mittelalter Wiki – Ymir: mittelalter.fandom.com/de/wiki/Ymir
- Geschichte ist alles – Der Urriese Ymir: geschichte.verenalang.at
- Die Wikinger Taverne – Ymir: die-wikinger-taverne.com
- NorseStory.de – Die Erschaffung der Welt: norsestory.de
- PlusPedia – Germanische Schöpfungsgeschichte: de.pluspedia.org
- Wikipedia EN – Indo-European cosmogony: en.wikipedia.org/wiki/Indo-European_cosmogony
- Wikipedia EN – Ymir (Mond): en.wikipedia.org/wiki/Ymir_(moon)
- Wikibrief – Nordische Mythologie in der Populärkultur: deutsch.wikibrief.org
