Walküren – Mächtigste Kriegerinnen der nordischen Mythologie
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Walküren sind weibliche Geistwesen aus dem Gefolge des Göttervaters Odin, die auf den Schlachtfeldern der Welt eine einzige, schicksalsschwere Aufgabe erfüllen: Sie wählen aus, wer stirbt – und wer nach Walhall kommt. Ihr altnordischer Name valkyrja bedeutet wörtlich „Totenwählerin“, zusammengesetzt aus valr (die auf dem Schlachtfeld liegenden Leichen) und kjósa (wählen). Sie sind keine Kämpferinnen im eigentlichen Sinne, sondern Schicksalslenkerinnen – Boten zwischen dem Leben der Sterblichen und der Ewigkeit Asgards. Ihre Präsenz auf dem Schlachtfeld galt dem Krieger als Zeichen: Heute ist sein letzter Tag. Doch dieser Tod bedeutet nicht das Ende, sondern den Eingang in die Halle der Helden.
Was bedeutet der Name Walküre?
Wer den Namen dieser Wesen einmal wirklich verstanden hat, versteht auch ihr Wesen. Der altnordische Begriff valkyrja setzt sich aus zwei Wurzeln zusammen: valr, das „die auf dem Schlachtfeld liegenden Leichen“ bezeichnet, und kjósa, was „wählen“ oder „kiesen“ bedeutet. Das altnordische kjósa ist eng verwandt mit dem deutschen Wort „kiesen“ – im Partizip Perfekt noch als „gekoren“ erhalten. Die Übersetzung „Totenwählerin“ trifft das Wesen dieser Gestalten deshalb auf den Punkt. Im Altenglischen lautete der Begriff wælcyrge, und ihr Erscheinen galt in Nord- und Mitteleuropa noch jahrhundertelang als todkündend.
Diese Etymologie ist kein sprachlicher Zufall. Sie spiegelt das ursprüngliche Weltbild wider, in dem die Schlachtjungfern nicht romantisierte Heldinnen, sondern nüchterne Agentinnen des Schicksals waren. Als Geistwesen vermittelten sie dem Krieger seine Eigenschaft als „Todesengel“, der ihn in die Welt seiner Ahnen geleiten würde. In früheren Vorstellungen waren die Schildjungfern möglicherweise sogar Totendämonen – Wesen, denen die Gefallenen gleichsam „zufielen“, nicht begleitete Seelen, sondern Beute des Krieges.
Interessant ist auch, wie viele ihrer Einzelnamen direkt auf diese Funktion verweisen. Die meisten Walkürennamen sind sogenannte „sprechende Namen“, die auf die kriegerische Aufgabe ihrer Trägerin hinweisen – Hildr bedeutet „Kampf“, Hlökk steht für das Geschrei der Schlacht, Herfjötur heißt „Heerfessel“ und Mist verweist auf den Nebel des Gefechts. Forscher wie Rudolf Simek betonen, dass kaum einer dieser Namen besonders alt sein dürfte – sie entstammen eher der poetischen Kreativität der Skalden als dem uralten Volksglauben. Die literarische Überlieferung hat diese Gestalten demnach nicht nur bewahrt, sondern aktiv mitgeformt und ausdifferenziert. Namen wie Göndul, Skögul oder Randgríðr sind heute bekannt, weil Dichter sie in ihre Verse flochten – nicht weil sie seit Jahrhunderten im Volksmund kursierten.
Warum bringen die Walküren die Gefallenen nach Walhall?
Die Antwort auf diese Frage ist zugleich die Antwort auf eine der zentralen Fragen nordischer Kosmologie: Wozu braucht Odin eine Armee? Das Ziel ist Ragnarök – die finale Götterschlacht am Ende aller Zeiten. Damit dieses Heer groß genug wird, sendet der Allvater seine Boten auf jedes Schlachtfeld Midgards, um die tapfersten unter den Gefallenen auszuwählen und nach Asgard zu führen.
Diese Auserwählten heißen Einherjer, was so viel wie „ehrenvoll Gefallene“ bedeutet. Sie wählen auf dem Schlachtfeld verstorbene Krieger aus, um sie nach Walhall zu führen, wo sie bis zur letzten Stunde für Odin kämpfen sollen. Doch nicht alle Gefallenen gelangen dorthin. Die Hälfte der Toten geht nach Fólkvangr, dem Jenseitsreich der Göttin Freya. Die andere Hälfte gelangt nach Walhall, der großen goldenen Halle Odins. Wer die Entscheidung im Einzelfall trifft, bleibt in den Quellen nicht immer eindeutig – in manchen Texten wählt Freya selbst aus, bevor Odin seinen Teil erhält.
In Walhall angekommen, erwartet die Einherjer ein gewaltiges Leben nach dem Tod. Am Morgen ziehen sie auf die große Ebene, kämpfen gegeneinander und üben so für Ragnarök. Abends stehen wieder alle auf, vollkommen geheilt von ihren Wunden. In der Nacht wird in der großen Halle gefeiert. Die Schlachtjungfern selbst übernehmen hier eine weitere Aufgabe: Sie schenken den Helden Met ein und reichen ihnen Speis und Trank. Sie sind also nicht nur Boten des Todes, sondern auch Gastgeberinnen in der Ewigkeit – Trösterinnen im Jenseits.
Noch eindringlicher zeigt sich ihre Macht in einem anderen Bild der Edda: Im Gedicht Darraðarljóð erscheinen zwölf Schlachtjungfern vor der berühmten Schlacht von Clontarf im Jahr 1014 an einem Webstuhl. Sie weben das Schicksal der Krieger – aus Gedärmen und Köpfen. Was wie eine grausige Metapher klingt, war für die Menschen der Wikingerzeit eine ernste kosmologische Aussage: Diese Wesen haben buchstäblich Macht über Leben und Tod. Sie stehen in direkter Beziehung zu den Nornen, den Schicksalsspinnerinnen, sowie zu den Disen und Fylgien – allesamt Gestalten, die das Los des Menschen lenken, lange bevor er selbst davon ahnt.
Ein weiterer faszinierender Aspekt: Manche Quellen berichten, dass Sigrdrífa – oft mit Brünhildr gleichgesetzt – von Odin in einen Zauberschlaf versetzt wurde, weil sie seinem Befehl zuwidergehandelt hatte. Die Walküre hatte im Kampf den falschen König fallen lassen. Zur Strafe wurde sie in einen Ring aus Flammen gesperrt, aus dem nur der furchtloseste aller Sterblichen sie befreien konnte. Es war der Held Sigurd, der die Flammenwand durchritt und sie erweckte. Diese Geschichte zeigt eine andere Seite dieser Wesen: Sie sind keine willenlosen Dienerinnen Odins, sondern Wesen mit eigenem Urteilsvermögen – und genau dieser Eigensinn kann sie alles kosten.
Was symbolisieren die Walküren in der nordischen Mythologie?
Weit über ihre Funktion als Seelenführerinnen hinaus sind die Schildjungfern ein Symbol für eines der tiefsten Konzepte der nordischen Weltanschauung: dass der Tod im Kampf keine Niederlage ist, sondern eine Auszeichnung. Für die Menschen der Wikingerzeit boten sie Trost in einer Welt, in der Krieg allgegenwärtig war. Der Tod im Kampf war nicht sinnlos, sondern Teil eines größeren göttlichen Plans. Ehre und Tapferkeit haben über den Tod hinaus Bedeutung – und jemand wacht darüber.
Gleichzeitig standen die Wesen ursprünglich für etwas Dunkleres. In ihrer frühesten Gestalt waren sie wahrscheinlich Totendämonen – Naturgeister, die über das Schlachtfeld zogen und die Seelen der Gefallenen wie Beute davontrugen. Erst mit der wachsenden Bedeutung Walhalls als Odins Festhalle veränderte sich das Bild: Aus schaurenhaften Dämonen wurden glanzvolle Kriegerinnen mit menschlichen Zügen, die sich sogar in Sterbliche verlieben konnten.
Ein besonders eindrückliches Symbol verbindet die Schlachtjungfern mit einem Naturphänomen, das noch heute jeden in Staunen versetzt: den Nordlichtern. Die Wikinger sahen in den Polarlichtern ein Zeichen für die Anwesenheit dieser Wesen auf der Erde und dafür, dass irgendwo auf Midgard eine große Schlacht geschlagen worden war. Im Glauben der Menschen ritten die Schlachtjungfern nach einem erfolgreichen Gefecht durch das Firmament – und das Mondlicht spiegelte sich in ihren blanken Rüstungen, was das Farbenspiel am nächtlichen Himmel erklärte.
Ein weiterer Aspekt ist ihre Verbindung zum Schwan. Manche Überlieferungen schildern Walküren als Schwanenfrauen – Wesen, die ein Federkleid tragen und damit durch die Lüfte fliegen können. Legen sie dieses Kleid ab, verlieren sie ihre übernatürliche Macht. Diese Vorstellung verknüpft die Gestalten mit Magie, Verwandlung und einer Doppelnatur zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen. Sie sind nicht vollständig göttlich, aber auch nicht sterblich – sie stehen im Zwischenraum, genau wie der Tod selbst.
Was erzählt das Weltenklang-Wissenslied über die Walküren?
Das Wissenslied von Weltenklang zu den Walküren taucht tief in die Welt der Edda ein und stellt die Schildjungfern vor, die dort namentlich überliefert sind. Es nennt Brünhildr – deren Name aus den altnordischen Wörtern für Brustharnisch und Kampf zusammengesetzt ist –, Sigrdrífa als die Sieggebende, Hildr als die Verkörperung des Kampfes selbst und Göndul, die als die Magische gilt. Auch Skögul, Mist, Herfjötur, Hlökk, Thrud, Geirskögul, Geirdriful, Reginleif, Randgríðr und Ráðgríðr – die „Ratstürmende“ – finden ihren Platz im Lied.
Dabei macht das Lied auf etwas aufmerksam, das in der populären Darstellung dieser Gestalten oft untergeht: Die meisten Namen sind keine Eigennamen im modernen Sinne, sondern poetische Funktionsbezeichnungen. Sie sind „weniger Wesen als Worte für die Schlacht“ – eine Formulierung, die den Befund der Forschung in einprägsame Sprache übersetzt. Tatsächlich dürfte die Anzahl dieser Wesen im Volksglauben unbegrenzt gewesen sein; die Zahlenangaben in den Eddatexten – mal neun, mal zwölf, mal dreizehn – spiegeln die jeweilige dichterische Entscheidung wider, nicht eine feste theologische Doktrin.
Das Weltenklang-Wissenslied verbindet diese historisch-mythologischen Details mit einem epischen Klangerlebnis, das den Zuhörer mitten in das Getümmel nordischer Schlachten versetzt. Wer nach dem Hören mehr über die nordische Jenseitswelt erfahren möchte – über Walhall, Fólkvangr und das, was die Gefallenen dort erwartet – findet dazu auch den Artikel zu den Jenseits des Nordens auf Weltenklang. Den YouTube-Kanal jetzt abonnieren und keine neuen Wissenslieder mehr verpassen.
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Wo tauchen Walküren in Filmen und Spielen auf?
Kaum eine Gestalt der nordischen Mythologie hat in der Popkultur eine so nachhaltige Spur hinterlassen wie die Schlachtjungfern – und kaum eine ist dabei so gründlich missverstanden worden. Das moderne Klischee zeigt blonde Kriegerinnen mit Hörnhelmen und Speeren, die auf geflügelten Pferden durch dramatische Wolkenberge reiten. Dieses Bild ist größtenteils eine romantische Erfindung des 19. Jahrhunderts, die wenig mit den vielschichtigen Wesen der Edda gemein hat.
Den größten Einfluss auf dieses Klischee hat zweifellos Richard Wagner ausgeübt. In seinem Opernzyklus Der Ring des Nibelungen, insbesondere im Teil „Die Walküre“ (uraufgeführt 1870), erschaffen die Schlachtjungfern als neun Schwestern, allesamt Töchter des Gottes Wotan. Wagners berühmter „Ritt der Walküren“ ist eines der bekanntesten Stücke klassischer Musik überhaupt und wird bis heute in Filmen und anderen Medien zitiert. In Francis Ford Coppolas Apocalypse Now etwa lässt ein Offizier dieses Stück während eines Hubschrauberangriffs im Vietnamkrieg spielen – als Mittel der psychologischen Kriegsführung.
In Videospielen sind die Töchter Odins ebenfalls allgegenwärtig. Das Spiel God of War (2018) macht sie zu gefürchteten Bossgegnern, deren Bezwingung zu den härtesten Herausforderungen des Spiels gehört. Das Marvel Cinematic Universe wiederum adaptiert Valkyrie als Superhelden-Figur. Dabei geht in beiden Fällen das verloren, was die ursprünglichen Gestalten so faszinierend macht: ihre Ambivalenz. Sie waren keine eindeutigen Heldinnen oder Schurkinnen, sondern Agentinnen eines höheren Plans – gnadenlos und fürsorglich zugleich, Tod und Geleit in einer Gestalt.
Was bleibt, ist die Faszination. Das Bild der Schlachtjungfer hat etwas zutiefst Menschliches berührt: die Sehnsucht danach, dass jemand im Moment des Todes bei uns ist – und dass dieser Tod nicht das Ende bedeutet, sondern einen Übergang in etwas Größeres.
Fazit – Warum die Walküren bis heute faszinieren
Die Schildjungfern der nordischen Mythologie sind mehr als kriegerische Boten Odins. Sie verkörpern eine der tiefsten menschlichen Fragen: Was geschieht nach dem Tod, und hat unser Leben – und unser Sterben – Bedeutung? In einer Welt, in der Krieg allgegenwärtig war, boten diese Gestalten eine klare Antwort: Ja. Tapferkeit wird gesehen. Der Held wird nicht vergessen. Jemand wählt ihn aus der Masse der Gefallenen und trägt ihn in die Ewigkeit.
Dass diese Wesen heute in Opern, Filmen, Spielen und Wissensliedern weiterleben, zeigt, wie tief sie im kollektiven Gedächtnis verankert sind. Ihre Geschichte wurde von den Skalden der Wikingerzeit geformt, von Romantik-Komponisten verklärt und von der modernen Popkultur neu erfunden – doch ihre eigentliche Kraft liegt in der Edda: in den Namen, die Kampf und Schicksal atmen, und in der stillen, unheimlichen Macht derer, die entscheiden, wen der Morgen nicht mehr sieht.
Weitere Wissenslieder
Nornen
Wie die Walküren lenken auch die Nornen das Schicksal der Krieger – doch sie spinnen es, bevor die erste Klinge gezogen wird.
Hel
Wen die Walküren nicht nach Walhall wählen, landet meist bei Hel – der Herrscherin des Totenreichs für alle anderen Gefallenen.
Tomoe Gozen
Wie die Walküren ist Tomoe Gozen eine der berühmtesten Kriegerinnen der Geschichte – nur kämpfte sie nicht im Reich der Götter, sondern im feudalen Japan.
Quellen & weiterführende Links
- Wikipedia DE – Walküre: https://de.wikipedia.org/wiki/Walküre
- Wikipedia DE – Brünhild: https://de.wikipedia.org/wiki/Brünhild
- Wikipedia DE – Hildr (Walküre): https://de.wikipedia.org/wiki/Hildr_(Walküre)
- DeWiki – Walküre (Zusammenfassung der germanischen Mythologie): https://dewiki.de/Lexikon/Walküre
- Nordische Mythen Wiki – Walküren: https://nordische-mythen.fandom.com/de/wiki/Walküren
- Die Wikinger Taverne – Walküren, die nordischen Kriegerinnen: https://die-wikinger-taverne.com/blogs/wikinger-blog/walkuren-die-nordischen-kriegerinnen
- Walhalla Wikinger – Walküre: https://walhalla-wikinger.de/blogs/nordische-mythologie/walkure
- gutefrage.net – Unterschied Walküre und Amazonen: https://www.gutefrage.net/frage/unterschied-walkuere-und-amazonen
