Laternentraum – Was das Gedicht wirklich bedeutet

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Ein junger Mann, todkrank, schreibt in einem Hamburger Hinterzimmer über seinen letzten Wunsch – und dieser Wunsch ist kein Ruhm, keine Rettung, kein Wunder. Er möchte nach seinem Tod eine Straßenlaterne sein. Laternentraum von Wolfgang Borchert ist eines der zärtlichsten und gleichzeitig traurigsten Gedichte der deutschen Literaturgeschichte: ein stilles Leuchten gegen die Finsternis, geschrieben von einem Dichter, der wusste, dass er nicht mehr viel Zeit hatte.

Das Gedicht „Laternentraum“ stammt von Wolfgang Borchert (1921–1947). Es erschien als Eröffnungsgedicht seiner Sammlung Laterne, Nacht und Sterne. Insgesamt vermittelt das Gedicht den Wunsch nach einer symbolischen Existenz nach dem Tod, in der man weiterhin eine Rolle im Leben anderer spielt und ihnen Trost spendet.

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Wolfgang Borchert – Laternentraum

Wenn ich tot bin,
möchte ich immerhin
so eine Laterne sein,
und die müßte vor deiner Türe sein
und den fahlen
Abend überstrahlen.

Oder am Hafen,
wo die großen Dampfer schlafen
und wo die Mädchen lachen,
würde ich wachen
an einem schmalen schmutzigen Fleet
und dem zublinzeln, der einsam geht.

In einer engen
Gasse möcht ich hängen
als rote Blechlaterne
vor einer Taverne
und in Gedanken
und im Nachtwind schwanken
zu ihren Gesängen.

Oder so eine sein, die ein Kind
mit großen Augen ansteckt,
wenn es erschreckt entdeckt,
daß es allein ist und weil der Wind
so johlt an den Fensterluken
und die Träume draußen spuken.

Ja, ich möchte immerhin,
wenn ich tot bin,
so eine Laterne sein,
die nachts ganz allein,
wenn alles schläft auf der Welt,
sich mit dem Mond unterhält natürlich
per Du.

Wer hat den Laternentraum geschrieben?

Wolfgang Borchert wurde am 20. Mai 1921 in Hamburg geboren und starb am 20. November 1947 in Basel – er wurde nur 26 Jahre alt. Hinter diesem kurzen Leben verbirgt sich eine Geschichte voller Widersprüche: ein Mensch mit dem brennenden Wunsch nach dem Theater, der in die dunkelsten Jahre des 20. Jahrhunderts hineingeworfen wurde.

Wolfgang Borchert wurde am 20. Mai 1921 als einziges Kind von Hertha und Fritz Borchert in Hamburg-Eppendorf geboren. Seine Eltern waren aus den ländlichen Vierlanden in die benachbarte Großstadt gezogen, wo Fritz Borchert eine Anstellung als Lehrer gefunden hatte. Sein Elternhaus war künstlerisch sehr aufgeschlossen, so gehörten Malen, Zeichnen, Dichten und Schreiben zu seiner Kindheit und Jugend.

Nach dem Abgang von der Schule folgte eine ungeliebte Buchhändlerlehre, kompensiert durch eine gleichzeitig begonnene Ausbildung zum Schauspieler. Nur knapp zwei Monate währte sein Engagement bei der Landesbühne Ost-Hannover in Lüneburg, dann holte ihn der Einberufungsbefehl zum Militärdienst und an die Ostfront.

Schwerkrank, verwundet und nach zweifachem Gefängnisaufenthalt wegen staatsfeindlicher Äußerungen und Wehrkraftzersetzung, kehrte er im Mai 1945 nach Hamburg zurück. Es zeichnete sich das Voranschreiten der schweren Lebererkrankung ab, die Borchert sich bereits 1941 in Russland zugezogen hatte und die durch die widrigen Lebensumstände der letzten Jahre unaufhaltsam fortschritt. Dennoch rang er seinem kranken Körper in den zweieinhalb Jahren, die ihm nach dem Krieg noch blieben, unter äußerster Willensanstrengung sein gesamtes hinterlassenes Prosawerk und sein Theaterstück „Draußen vor der Tür“ ab, das ihn in der ganzen Welt berühmt machte.

Den größten Erfolg mit dem Drama „Draußen vor der Tür“ erlebte er nicht mehr. Er starb einen Tag vor der Premiere.

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Was bedeutet der Laternentraum genau?

Stell dir vor, du weißt, dass du stirbst – und dein einziger Wunsch für die Zeit danach ist, anderen Menschen Licht zu geben. Genau das ist der Kern dieses Gedichts. Das Gedicht von Wolfgang Borchert ist ein nachdenkliches Werk, das sich mit dem Tod und dem Wunsch nach einer symbolischen Existenz danach auseinandersetzt.

Das Gedicht entfaltet sich in fünf Strophen, die jeweils eine andere Situation beschreiben, in der die Laterne leuchten soll: vor der Tür einer geliebten Person, am Hamburger Hafen, in einer engen Gasse vor einer Taverne, für ein verängstigtes Kind – und schließlich allein in der Nacht, im Gespräch mit dem Mond.

In den ersten beiden Strophen beschreibt der Sprecher den Wunsch, als Laterne vor der Tür des geliebten Menschen zu stehen und den Abend zu erhellen. Alternativ wünscht er sich, am Hafen zu stehen und den einsamen Menschen zuzublinzeln. Diese Bilder vermitteln den Wunsch, auch nach dem Tod eine Verbindung zu den Menschen aufrechtzuerhalten und ihnen Trost zu spenden.

In der dritten Strophe wünscht sich der Sprecher, als rote Blechlaterne vor einer Taverne zu hängen und den Gesängen der Menschen zu lauschen. Dies symbolisiert den Wunsch, Teil des Lebens und der Gemeinschaft zu sein, auch wenn man selbst nicht mehr aktiv daran teilnehmen kann.

Die vierte Strophe ist vielleicht die berührendste des ganzen Textes: Das lyrische Ich möchte für ein Kind leuchten, das nachts allein erschrickt, wenn der Wind johlt und draußen Träume spuken. Das ist kein abstrakter Trost – das ist der konkrete Wunsch, da zu sein für die Verletzlichsten. Die Laterne wird zum passiven Beobachter, der die Atmosphäre und die Emotionen der Menschen um sich herum aufnimmt.

Die Schlussverse krönen das Gedicht mit einem Bild von ergreifender Stille: eine Laterne, die nachts, wenn alle schlafen, mit dem Mond redet – natürlich per Du. In dieser vertrauten, direkten Ansprache des Mondes liegt eine ganze Einsamkeit – und zugleich eine seltsame Würde. Es ist das Bild einer Seele, die nicht verschwinden will, die weiterleben möchte, aber nur als Licht.

„Laterne, Nacht und Sterne“ ist der Titel der 1946 erschienenen Gedichtsammlung von Wolfgang Borchert, in der der Laternentraum den Auftakt bildet. Der Zyklus dieser vierzehn Gedichte wurde im Sommer 1946 aus etwa sechzig Gedichten zusammengestellt, die Borchert mit vielen anderen Versen in den Jahren 1940 bis 1945 geschrieben hatte. Der Zyklus wurde am Totensonntag 1946 erstmals von Annemarie Marks auf einem Borchert-Abend der Vereinigung Niederdeutsches Hamburg im Eppendorfer Gemeindehaus gesprochen.

Was symbolisiert die Laterne bei Borchert?

Die Laterne ist bei Borchert weit mehr als ein einfaches Alltagsobjekt. Sie ist sein zentrales Symbol, das sich durch das gesamte Werk zieht. Für Borchert, der 1941 zum Kriegsdienst eingezogen und an einem Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion teilnehmen musste, war die Laterne inmitten einer zerstörten, dunklen und traurigen Welt ein Symbol der Hoffnung.

Das Gedicht vermittelt den Wunsch nach einer symbolischen Existenz nach dem Tod, in der man weiterhin eine Rolle im Leben anderer spielt und ihnen Trost spendet. Die Laterne übernimmt dabei drei Funktionen gleichzeitig: Sie leuchtet (spendet Schutz), sie beobachtet (bleibt Zeuge des Lebens) und sie begleitet (ist für andere da, wenn Dunkelheit droht).

Bemerkenswert ist die Verbindung zwischen der Laterne und dem Mond am Ende des Gedichts. Der Mond als kosmische Lichtquelle und die kleine Blechlaterne als irdische – beide wachen in der Nacht, beide sind Begleiter der Einsamen. Dass sie „per Du“ miteinander reden, verleiht dem Schlussbild eine fast kindliche Intimität, die dem ganzen Text seine besondere Wärme gibt.

Die Laterne zieht sich durch das gesamte Buch Laterne, Nacht und Sterne. In Borcherts weltberühmtem Drama „Draußen vor der Tür“ wird die Laterne gar zum Sinnbild für den eigenen Überlebenswillen, wenn es heißt: „Deine Straße wartet. Und hin und wieder kommen Laternen. Bist du so feige, daß du Angst hast vor der Finsternis zwischen zwei Laternen? Willst du nur Laternen haben? Komm, Beckmann, weiter, bis zur nächsten Laterne.“

Das Licht ist bei Borchert niemals triumphierend – es ist menschlich, zerbrechlich, klein. Es kämpft nicht gegen die Dunkelheit an, es leuchtet einfach. Und genau darin liegt seine Kraft.

„Ja, ich möchte immerhin, wenn ich tot bin, so eine Laterne sein, die nachts ganz allein, wenn alles schläft auf der Welt, sich mit dem Mond unterhält – natürlich per Du.“

Was macht das Weltenklang-Wissenslied zum Laternentraum?

Das Wissenslied von Weltenklang zu Wolfgang Borcherts Laternentraum tut genau das, was das Gedicht selbst beschreibt: Es leuchtet. Es trägt die Bilder und die Atmosphäre des Originals in eine neue Form – als episches Klangerlebnis, das Geschichte und Literatur auf eine Weise verbindet, die bleibt.

Weltenklang macht aus dem Laternentraum kein Schulbuchthema. Das Lied versetzt dich direkt in die Hamburger Nacht, lässt dich an den schmutzigen Fleet treten, durch enge Gassen gehen und schließlich allein unter dem Mond stehen. Wer Wolfgang Borchert noch nicht kannte, wird durch das Wissenslied neugierig. Wer ihn kennt, hört ihn neu.

Borchert steht für eine Generation, der die Worte blieben, als alles andere verloren war. Wolfgang Borchert gilt als Sprachrohr für seine Generation und die Themen der unmittelbaren Nachkriegszeit. Das Wissenslied macht dieses Erbe hörbar – packend, klar und mit dem charakteristischen Weltenklang-Sound, der Wissen und Emotion zur gleichen Zeit trägt.

Wer tiefer eintauchen möchte: Auf Spotify und Apple Music ist das Lied vollständig verfügbar. Der YouTube-Kanal von Weltenklang veröffentlicht jede Woche neue Wissenslieder aus Mythologie, Geschichte und Literatur – ein Abo lohnt sich.

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Warum liest man Borchert heute noch in der Schule?

Wolfgang Borcherts Werk ist seit Jahrzehnten fester Bestandteil des Deutschunterrichts – und das ist kein Zufall. Seine Werke sind kompromisslos in Fragen der Menschlichkeit und des Humanismus. Er ist einer der beliebtesten Autoren der deutschen Nachkriegszeit; sein Werk wird weiterhin in deutschen Schulen studiert.

Der Großteil der Werke Borcherts wird der Trümmerliteratur zugerechnet, die eine Strömung der deutschen Nachkriegsliteratur bezeichnet. Sie verwendet eine einfache, schnörkellose Sprache, die nur das Notwendigste in Worte fassen sollte. Diese Direktheit ist es, die Borchert bis heute zugänglich macht – für Schülerinnen und Schüler genauso wie für Erwachsene, die sich an ihre erste Begegnung mit seinem Werk erinnern.

Borcherts Werke sind nicht nur in den Schulen Pflichtlektüre, sondern gelten als Mahnmal gegen die Gräuel des Zweiten Weltkriegs. Und doch ist es gerade der Laternentraum, der zeigt, dass Borchert nicht nur anklägerisch war. Er war zärtlich. Er wollte nicht kämpfen – er wollte leuchten.

In der Popkultur lebt das Gedicht auf verschiedene Weise weiter: als Titelgeber für Hörbücher, als Text für szenische Lesungen, als Vorlage für Illustrationen. Im Jahr 2021 jährte sich Borcherts Geburtstag zum 100. Mal – zu diesem Anlass entstand unter der künstlerischen Leitung des Schauspielers Michael Rudigier das Hörbuch „Laternentraum“. Die Relevanz des Textes ist dabei nicht historisch gebunden: Einsamkeit, der Wunsch, gebraucht zu werden, das Leuchten für andere – das sind Gefühle, die keine Epoche kennen.

Fazit – Warum Laternentraum bis heute fasziniert

Ein Gedicht, das mit dem Wunsch zu sterben beginnt und mit dem Gespräch zweier Lichter im Dunkeln endet – das ist keine Düsternis, sondern eine der zärtlichsten Aussagen der deutschen Literaturgeschichte. Die Laterne wird zum Symbol der Hoffnung und des Trostes in dunklen und beängstigenden Momenten. Der Sprecher wünscht sich, auch nach dem Tod eine positive Wirkung auf das Leben anderer haben zu können.

Wolfgang Borchert hat in nur zwei Jahren ein Werk hinterlassen, das Generationen bewegt. Er hinterließ 29 Gedichte, 39 knappe Prosatexte und das Theaterstück „Draußen vor der Tür“ – alles zusammen 380 Seiten. Der Laternentraum ist sein stillstes und gleichzeitig persönlichstes Stück – ein Wunschbild für das Leben nach dem Tod, das keinen Platz im Jenseits braucht, nur einen Laternenpfahl in einer menschlichen Straße.

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Quellen & weiterführende Links

  1. Wikipedia EN – Wolfgang Borchert: en.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Borchert
  2. Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg – Borcherts Leben: borchert.sub.uni-hamburg.de/borcherts-leben.html
  3. LeMO / Haus der Geschichte – Biografie Wolfgang Borchert: hdg.de/lemo/biografie/wolfgang-borchert.html
  4. Projekt Gutenberg-DE – Laterne, Nacht und Sterne: projekt-gutenberg.org/borchert/laterne/laterne.html
  5. Poesie-Oase – Laternentraum, Interpretation & Stilmittel: poesie-oase.de/gedichte/laternentraum/
  6. Kulturflüsterin – Lesen und lauschen #18, Laternentraum: kulturfluesterin.com
  7. Lernhilfe Sprenger – Trümmerliteratur: lernhilfe-sprenger.com/truemmerliteratur
  8. wolfgangborchert.de – Biografie und Werk: wolfgangborchert.de