Amaterasu – Mächtigste Göttin der japanischen Mythologie
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Amaterasu ist die Sonnengöttin der japanischen Mythologie und die bedeutendste Gottheit des Shintō. Als „Amaterasu Omikami 天照大神“ – „Die Große Göttlichkeit, die den Himmel erleuchtet“ – herrscht sie über das „Takama no Hara“, das Hohe himmlische Land, die Heimat aller Kami; ihr Name bedeutet so viel wie „die, die den Himmel erleuchtet“. Eine immer wieder behandelte Besonderheit ist die Weiblichkeit eines Sonnengottes, was in der Weltmythologie die Ausnahme darstellt – meist wird die Sonne mit einer männlichen und der Mond mit einer weiblichen Gottheit repräsentiert; in Japan ist dies mit Amaterasu und ihrem Bruder Tsukuyomi-no-Mikoto, dem Gott des Mondes, genau umgekehrt.
Eine der bekanntesten unter Japans Kami ist Amaterasu Ōmikami, die „große Göttin, die den Himmel erleuchtet“ – Sonnengöttin im Reich der aufgehenden Sonne und Urahnin des ältesten ununterbrochenen Kaiserhauses der Welt. Wer sie wirklich war, was sie antrieb und warum ihr Mythos bis heute lebendig ist – das beantwortet dieses Wissenslied von Weltenklang.
Woher kommt Amaterasu?
Im Shintōismus gelten Izanami und Izanagi als das Urgötterpaar, welches aus dem himmlischen Gefilde herabstieg und durch eine Reihe heiliger Rituale den japanischen Archipel sowie die umgebende Natur erschuf. Die ältesten japanischen Chroniken, das Kojiki (712) und das Nihonshoki (720), schildern den Schöpfungsmythos zwar in leicht unterschiedlicher Form, doch in den wesentlichen Punkten stimmen sie überein: Als Izanami den Feuergott Kagutsuchi gebar, erlag sie den schweren Verbrennungen und verstarb.
Izanagi, untröstlich über den Verlust seiner Geliebten, stieg daraufhin in die Unterwelt Yomi hinab, um sie zurückzuholen. Doch er kam zu spät: Izanami hatte von den Früchten der Unterwelt gekostet und war unrettbar verloren. Der Gott floh entsetzt zurück in die Welt der Lebenden. Da Yomi als unrein galt, war eine rituelle Reinigung unerlässlich.
Dabei entstehen mehrere Gottheiten: die Sonnengöttin Amaterasu bei der Waschung des linken Auges, der Mondgott Tsukiyomi no Mikoto bei der Waschung des rechten Auges und der Gott Susanoo, der bei der Waschung der Nase erscheint. Bevor Izanagi sein schöpferisches Werk beendet, teilt er diesen Kindern verschiedene Herrschaftsgebiete zu: Amaterasu erhält die Hohen Gefilde des Himmels, Tsukiyomi die Gefilde der Nacht und Susanoo die Gefilde des Meeres.
Die beiden wichtigsten Quellen stellen die zwei ältesten bekannten Bücher Japans aus dem 8. Jahrhundert dar: das auf Anregung von Kaiserin Gemmei erstellte Kojiki (古事記) und das wenig später entstandene Nihon Shoki (日本書紀), welches ihrer Nachfolgerin Kaiserin Genshō gewidmet ist. Die Tatsache, dass die Sonnengottheit in Japan als weibliche Gottheit gilt, ist ein Ausnahmefall in der vergleichenden Mythenforschung. Verschiedene Ursachen werden dafür geltend gemacht: Unter anderem wird spekuliert, dass Amaterasu ursprünglich männlich gedacht wurde. Als die japanischen Götter- und Ursprungsmythen in den Büchern Kojiki und Nihonshoki gesammelt wurden, war Kaiserin Jitō an der Macht – einige Forscher vermuten, dass Amaterasu deshalb als weibliche Gottheit dargestellt wurde, um den Herrschaftsanspruch der Kaiserin zu unterstreichen.
Warum versteckte sich Amaterasu in einer Höhle?
Der bekannteste Mythos rund um die Sonnengöttin dreht sich um ihren Bruder Susanoo, den Gott des Sturms. Was in allen mythologischen Versionen von der Zuteilung der Herrschaftsbereiche gleich bleibt, ist, dass Susanoo, anstatt sich um seinen Bereich zu kümmern, sich wie ein trotziges Kind gebärdet, furchtbar weint und dadurch Flüsse und Wälder vertrocknen lässt; er leitet das Sterben auf der Welt ein.
Als er sich von seiner Schwester verabschieden wollte, misstraute die Sonnengöttin seinen Absichten. Sie empfängt ihn mit Misstrauen und fordert einen Beweis seiner guten Absicht. Susanoo schlägt vor, durch einen göttlichen Eid und den Tausch ihrer Machtinsignien Kinder zu zeugen. Die Göttin zerbricht hierfür Susanoos Schwert, kaut und spuckt es aus, wodurch drei Göttinnen entstehen; Susanoo wiederholt den Vorgang mit Amaterasus Kette aus Krummjuwelen und erschafft fünf männliche Götter. Dieser Wettkampf, Ukehi genannt, schien zunächst den Frieden zu besiegeln – doch Susanoo blieb innerlich aufgewühlt.
Die Untaten des Susanoo, auch als „Sünden des Himmels“ bezeichnet, umfassen eine Reihe von Sabotageakten gegen die landwirtschaftliche Produktion und die Entweihung religiöser Stätten. Amaterasu unternimmt zunächst nichts gegen diese Sabotageakte, doch als er schließlich einem Pferd durch „Rückwärtsschindung“ die Haut abzieht, es in die heilige Webhalle wirft und sich eine Weberin dort vor Schreck mit dem Weberschiffchen verletzt und daran stirbt, hat er es zu weit getrieben: Amaterasu ist so erbost, dass sie sich in einer Felsenhöhle einschließt, wodurch das Licht der Welt verlischt.
Aus Entsetzen und Gram über die Untaten ihres Bruders schließt sich die Göttin schließlich in eine Höhle ein, was im Himmel und auf der Erde dazu führt, dass alles in Dunkelheit gehüllt wird. Damit herrschen Nacht und Winter, und Dämonen der Finsternis regieren auf der Erde. Das ganze Land wird unfruchtbar.
Die versammelten Götter ließen sich etwas Raffiniertes einfallen: Hierfür werden heilige Opfergaben angefertigt – ein Spiegel sowie eine Kette aus fünfhundert Krummjuwelen. Diese Gegenstände werden an einem prächtigen Baum befestigt, der vor die Felsenhöhle platziert wird. Die Göttin Ame no Uzume, Ahnenherrin von Ritus, Tanz und Theater, führt einen ekstatischen Tanz auf, der die Götter zum Lachen bringt und die Neugier der Verborgenen weckt.
Neugierig schob die Sonnengöttin den Felsblock, der den Eingang der Höhle blockierte, und spähte heraus, woraufhin Ame-no-Koyane und Futodama den Spiegel Yata-no-Kagami hervorholten und vor sich hielten. Als sie, beeindruckt von ihrem eigenen Spiegelbild, sich dem Spiegel näherte, nahm Ame-no-Tajikarao ihre Hand und zog sie heraus der Höhle, die dann sofort mit einem Strohseil verschlossen wurde, um sie daran zu hindern, wieder hineinzugehen. Da Susanoos Untaten dazu geführt hatten, dass sich die Sonnengöttin in die Höhle zurückzog, wird er von den Göttern bestraft und in das „Wurzelland“ verbannt.
Die Erzählung birgt eine tiefere Deutung: Besonders im Zusammenhang mit der Theorie von Inzest und Wiedergeburt geht man davon aus, dass es tatsächlich Amaterasu ist, die durch Susanoos Untaten in der Webhalle stirbt. Demnach ist ihr Rückzug in die Felsenhöhle lediglich eine Metapher für ihren Tod, wodurch das Verlassen der Höhle die Bedeutung einer Wiedergeburt erhält.
Wofür steht Amaterasu als Symbol?
Amaterasu verkörpert die Sonne, Helligkeit, Ordnung, Fruchtbarkeit und das Leben selbst. In agrarisch geprägten Gesellschaften war Sonnenlicht lebensnotwendig für Reisernte, Jahreszeiten und Wohlstand. Sie steht damit für das genaue Gegenteil von Chaos und Dunkelheit – die zwei Mächte, gegen die sie im Mythos immer wieder kämpfen muss.
Sie ist auch die Göttin des Ackerbaues und des Webens. Sie zeigt den Menschen, wie man Reis anbaut und Seide spinnt. Es heißt, auf sie sei die Erfindung des Reisanbaus zurückzuführen sowie die Seidenraupenzucht und die Erfindung des Webstuhls. Ihr Symbol ist daher die Seidenraupe, ein achtseitiger Spiegel, der in jedem ihrer Tempel steht, sowie die aufgehende Sonne – die man noch heute in der japanischen Flagge wiederfindet.
Japans Flagge zeigt einen weißen Hintergrund und einen knallroten Kreis – doch es ist nicht einfach nur ein Kreis, es ist das Symbol für die Sonne und damit für die Sonnengöttin Amaterasu. Die Bezeichnung „Nippon“ für Japan bedeutet „Sonnenursprung“.
Der Höhlenmythos trägt ebenfalls eine starke symbolische Botschaft: Der Höhlenmythos erzählt, wie Amaterasu nach Gewalt und Entweihung verschwindet, die Welt in Finsternis fällt und die Götter sie durch List, Tanz, Lachen und Spiegelmagie zurückholen. Es ist eine Geschichte über Licht, Ordnung und die heilende Kraft gemeinschaftlichen Handelns.
Der Spiegel, der Yata-no-Kagami, steht dabei für Selbsterkenntnis und göttliche Wahrheit. Dieser Spiegel wurde gemeinsam mit der Magatama an einen Baum vor die Höhle gehängt, damit das Blinken die Göttin neugierig macht und sie herauslockt. In diesem Spiegel soll sich ein Teil der Seele Amaterasus befinden, so hat es die Göttin ihrem Enkel gegenüber persönlich offenbart.
Eine weitere mythologische Episode erklärt, warum Sonne und Mond nie gemeinsam am Himmel stehen: Amaterasu schickt in einer Nihon-Shoki-Variante Tsukuyomi zu der Göttin Ukemochi, die diesen mit gekochtem Reis, Fischen und Fleisch, das aus ihrem Mund entsteht, bewirtet. Tsukuyomi ist sehr wütend darüber, dass sie ihn mit Essen, das aus ihrem Mund kam, versorgen möchte, und erschlägt sie. Amaterasu wird daraufhin so erbost, dass sie sich vor ihm zurückzieht und seither durch einen Tag und eine Nacht von ihm getrennt ist. Als sie daraufhin einen Boten zu Ukemochi schickt, ist diese zwar schon tot, aber auf ihrem Körper sind verschiedene Dinge wie Reis, Bohnen, Gerste, Rind und Pferd sowie Seidenraupenkokons entstanden.
Was singt Weltenklang über Amaterasu?
Das Weltenklang-Wissenslied über Amaterasu erzählt in epischer Liedform die vollständige Geschichte der japanischen Sonnengöttin: von der Geburt aus dem Auge des Urgottes Izanagi über den Wettstreit mit dem Sturmgott Susanoo, den Rückzug in die Höhle Ama-no-Iwato bis hin zur dramatischen Rückkehr ans Licht. Dabei werden die zentralen mythologischen Episoden – der Ukehi-Wettstreit, die Entweihung der Webhalle, der Tanz der Ame-no-Uzume, die Macht des Spiegels Yata-no-Kagami und die Geschichte der Speisegöttin Ukemochi – musikalisch in einen Ablauf gebracht, der sowohl Fans japanischer Mythologie als auch Neueinsteiger mitnimmt.
Das Wissenslied beleuchtet auch, was die Sonnengöttin so einzigartig macht: Sie regiert gewaltfrei, greift nie zur Waffe und verkörpert eine Führungsstärke, die nicht auf Dominanz, sondern auf Ordnung und Fürsorge gründet. Sie war nicht nur Göttin der Sonne, sondern auch Staatsgöttin und Mutter der kaiserlichen Familie. Als Göttin war sie im Grunde die Sonne selbst und verkörperte deren Eigenschaften – sie spendete ihrem Volk Licht, Energie und Nahrung und repräsentierte die Ordnung, die das Sonnenlicht in die Welt bringt.
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Wo taucht Amaterasu in der modernen Kultur auf?
Die Sonnengöttin ist nicht nur ein Mythos der Vergangenheit – sie ist lebendig in der japanischen Gegenwartskultur, in der Politik und in der weltweiten Popkultur. Politisch enorm wichtig ist ihre Rolle als mythische Stammmutter der japanischen Herrscherlinie. Sie sendet ihren Enkel Ninigi-no-Mikoto zur Erde, um Japan zu regieren. Dessen Nachkommen führen schließlich zu Jimmu, und damit wurde das japanische Kaiserhaus traditionell als von Amaterasu abstammend verstanden. Diese Vorstellung legitimierte über Jahrhunderte die politische Herrschaft.
Die drei kaiserlichen Throninsignien – Spiegel, Juwel und Schwert – sind ein direktes Erbe dieser Mythologie. Die Throninsignien Japans sind drei Artefakte: das Schwert Kusanagi no Tsurugi, die aus Krummjuwelen zusammengesetzte Halskette Yasakani no Magatama sowie ein Spiegel, Yata no Kagami. Die Throninsignien sind der Öffentlichkeit und auch der Wissenschaft nicht zugänglich; auch vom Kaiserhaus selbst wurden nie Beschreibungen oder Abbildungen der Insignien veröffentlicht. Die drei Gegenstände versinnbildlichen die drei höchsten Tugenden des Herrschers: Das Schwert steht für Tapferkeit, der Edelstein für den Willen zum rechten Handeln und der Spiegel für Weisheit.
Der Ise Grand Shrine ist nicht nur Japans historisch bedeutendster Schrein, sondern auch der offizielle Schrein der kaiserlichen Familie; dieser Schrein, der der Sonnengöttin gewidmet ist, beherbergt die kaiserlichen Insignien und war während der gesamten Edo-Zeit (1600–1868) ein wichtiger Wallfahrtsort.
In der Popkultur hat vor allem das Videospiel Ōkami (2006) Amaterasus Geschichte einem weltweiten Publikum zugänglich gemacht. Das Spiel kombiniert japanische Mythologie und Folklore, um die Geschichte zu erzählen, wie das Land von der Shinto-Sonnengöttin Amaterasu gerettet wird, die die Gestalt eines weißen Wolfs angenommen hat. Die Natur von Amaterasu als Wolf beruht auf dem Doppelsinn des Wortes „Ōkami“, das „großer Gott“ bedeutet, wenn es in Kanji geschrieben wird, aber auch „Wolf“ bedeuten kann, wenn es anders geschrieben wird. Ein Nachfolger wurde bei The Game Awards 2024 angekündigt. Im Manga- und Anime-Universum tragen Figuren aus Naruto den Namen des Amaterasu-Feuers, während Yu-Gi-Oh! sogar eine eigene Karte nach ihr benennt – ein Zeichen dafür, wie tief die Göttin ins kollektive Gedächtnis der Popkultur eingedrungen ist.
Fazit – Warum Amaterasu bis heute fasziniert
Amaterasu ist weit mehr als eine Sonnengöttin. Sie ist eine der wichtigsten Figuren der japanischen Mythologie und vermutlich die bedeutendste Gottheit im Shintō; ihr voller Name lautet Amaterasu-Ōmikami – „Große erhabene Gottheit, die den Himmel erleuchtet“. Ihre Rolle ist zugleich kosmisch, politisch, religiös und kulturell. Sie verkörpert eine Ordnungsmacht, die ohne Gewalt regiert, und einen Mut, der auch im dunkelsten Moment – symbolisch in der Höhle – nie erlischt. Ihre Mythen erklären den Wechsel von Tag und Nacht, die Entstehung der Landwirtschaft, den Ursprung des Kaiserhauses und das ewige Streben nach Licht. Kein anderes Wesen verbindet Natur, Götter und Menschenwelt so eng – und genau das macht sie zeitlos.
Weitere Wissenslieder
Sól
Wie Amaterasu trägt auch Sól die Sonne am Himmel – doch die nordische Sonnengöttin wird von Wölfen gejagt und ihr Schicksal endet in Ragnarök.
Tomoe Gozen
Wie Amaterasu stammt auch Tomoe Gozen aus Japan und zeigt, dass Stärke und Würde keine Frage des Geschlechts sind – nur in einer anderen Epoche.
Freya
Freya ist die mächtigste Göttin Nordeuropas – wie Amaterasu vereint sie Fruchtbarkeit, Magie und eine kaum bändbare innere Stärke.
Quellen & weiterführende Links
- Japanwelt – Amaterasu die Sonnengöttin: japanwelt.de/blog/japanische-sonnengoettin-amaterasu
- Wikipedia EN – Amaterasu: en.wikipedia.org/wiki/Amaterasu
- Wikipedia DE – Japanische Mythologie: de.wikipedia.org/wiki/Japanische_Mythologie
- Wikipedia DE – Throninsignien Japans: de.wikipedia.org/wiki/Throninsignien_Japans
- Artedea – Amaterasu, die am Himmel Leuchtende: artedea.net/amaterasu-die-am-himmel-leuchtende/
- Sumikai – Götter-Guide Amaterasu: sumikai.com/japan-erleben/goetter-guide-im-shintoismus-amaterasu-160458/
- Kamigraphie (Universität Wien) – Amaterasu: religion-in-japan.univie.ac.at/Kamigraphie/Amaterasu
- Kamigraphie (Universität Wien) – Amaterasu in der Felsenhöhle: religion-in-japan.univie.ac.at/Kamigraphie/Amaterasu_in_der_Felsenhöhle
- Japandigest – Amaterasu: japandigest.de/kulturerbe/religion/amaterasu/
- Sumikai – Sanshu no Shinki (Die Gaben der Amaterasu): sumikai.com/japan-erleben/die-gaben-der-amaterasu-sanshu-no-shinki-166708/
- Wikipedia EN – Ōkami (Videospiel): en.wikipedia.org/wiki/Ōkami
- Zeitlosemythen – Amaterasu: zeitlosemythen.de/gods/japanese/amaterasu/
